In Christus hat Gott unsere Herzen dazu gemacht, für ihn zu brennen. Auch wenn unsere Zuneigungen zu- und abnehmen und unser Eifer an manchen Tagen stärker brennt als an anderen, ist Kälte nicht das Erbe des Christen. Wir sind Menschen, die auf der Straße nach Emmaus gehen, deren Seelen Feuer fangen, wenn Christus ihnen immer wieder die Schriften öffnet, die von ihm reden (). Wir gehören zur Gemeinschaft der brennenden Herzen.
Dennoch wissen wir auch, wie es sich anfühlt, wenn das Feuer nur noch schwach brennt und sich eine Kälte über ein einst loderndes Herz legt. Manche von uns empfinden das an den meisten Morgen. Unsere Herzen kühlen über Nacht ab wie Lagerfeuer, die nicht mehr genährt werden. Wir wachen auf wie von Asche bedeckt und brauchen es, dass der Geist Gottes uns erneut anhaucht.
Was tun wir, wenn unsere Herzen kalt werden? Viele Christen vergangener Zeiten, die selbst brennende und scheinende Lampen waren, würden uns raten, Gottes Wort nicht nur zu lesen und Gottes Wort nicht nur zu beten, sondern auch langsamer zu werden, tief durchzuatmen und über Gottes Wort meditieren.
Bei den heute verbreiteten Formen der Meditation sitzen oder knien Menschen für eine bestimmte Zeit und richten ihre Aufmerksamkeit auf das Ein- und Ausatmen. Der Verstand ist dabei beteiligt, jedoch nicht besonders aktiv. Die biblische Meditation hingegen fordert mehr Denken und Empfinden als Körperhaltung und Atmung. Und vor allem richtet sich die biblische Meditation nicht auf unseren, sondern auf Gottes Atem: Wir widmen uns mit gründlichem Nachdenken seinem ausgehauchten Wort, bis unsere Herzen anfangen, warm zu werden.
Tim Keller bietet in seiner Zusammenfassung von John Owen eine kurze und hilfreiche Beschreibung der Meditation:
Meditation bedeutet, eine Wahrheit aus– und einzudenken (in Anlehnung an die Begriffe Aus- und Einatmen; A. d. Ü.), bis ihre Gedanken „groß“ und „süß“ werden, bis sie bewegen und beeinflussen und bis die Wirklichkeit Gottes im Herzen spürbar wird. (Prayer, 162)
Kellers Beschreibung findet ihren klassischen Ausdruck in , dem herausragenden Abschnitt der Schrift über die Meditation. Hier denkt der Psalmist die Wahrheit aus, indem er seinen Sinn mit „dem Gesetz des HERRN“ erfüllt statt mit „dem Rat der Gottlosen“ (). Er denkt und denkt – zu bestimmten Zeiten und auch „Tag und Nacht“ () – und richtet seine Kräfte darauf, Gottes offenbarte Wahrheit zu verstehen.
Er denkt die Wahrheit auch ein, indem er sie in seine Seele hineindrückt, bis die Schrift zu dem Saft wird, der durch jedes Glied seines Lebens fließt (). Er versteht Gottes Wort nicht nur, sondern erfreut sich auch daran: „sondern wer Freude hat am Gesetz des Herrn“ (Psalm 1:2). Die Wahrheit ist für ihn groß und süß geworden und verdrängt die anderen Freuden, die ihn von allen Seiten umgeben ().
Schließlich hat er die Wahrheit in seinen Verstand ausgedacht und in sein Herz hinein eingedacht – und nun wirkt die Wahrheit selbst sich in seinem Leben aus. Sie führt ihn auf einen Weg geistlichen Gedeihens, der dem glückseligen Tag des Gerichts vorausgeht (). Kein Wunder, dass er „glückselig“ ist (), zutiefst glücklich in dem Gott, der solch wunderbare Worte spricht.
hat uns bereits mehrere Gründe genannt, warum wir meditieren sollten: Meditation erwärmt und erfreut unsere Herzen (). Meditation bewahrt uns vor dem Schicksal der Gottlosen (, 5). Meditation macht uns stark und fruchtbar wie Bäume, die von Wasserläufen gespeist werden (). Der erste Vers des nächsten Psalms nennt jedoch noch einen weiteren überzeugenden Grund.
, der von der vergeblichen Wut der Ungläubigen gegen Gottes gesalbten König berichtet, beginnt mit den Worten: „Warum toben die Heiden und ersinnen die Völker Nichtiges?“ (Psalmen 2:1). Bemerkenswerterweise, wie Derek Kidner beobachtet, ist das hebräische Wort für „ersinnen“ hier dasselbe Wort wie für „meditieren“ in . Der glückselige Mensch meditiert; ebenso die gottlosen Nationen; ebenso alle anderen. Wir werden auf die eine oder andere Weise meditieren, und wenn nicht über Gottes Worte, dann über Worte, die unser Fleisch, die Welt oder der Teufel uns liefert.
In einer Welt wie der unseren ist gottesfürchtige Meditation eine Form des Widerstands, ein Zurückerobern und Erneuern eines Verstandes, der einst gegen Gott rebellierte. Kidner schreibt zu : „Der Verstand war die erste Bastion, die in Vers 1 verteidigt werden musste, und wird als Schlüssel zum ganzen Menschen behandelt. … Was auch immer das Denken eines Menschen wirklich prägt, prägt sein Leben“ (Psalms 1–72, 64). Mit anderen Worten: Ergreife den Verstand, ergreife den Menschen.
Praktisch gefragt: Wie können wir also meditieren? Welche Schritte können wir, mit Gottes Hilfe, gehen, um seine Wahrheit aus– und einzudenken, sodass wir durch die Worte Gottes und nicht durch die Worte der Menschen geprägt werden?
Betrachten wir einen bescheidenen Ansatz: Bereite deinen Verstand und dein Herz vor, halte inne und sinne nach, dränge die Wahrheit ins Herz. Dazu könnten wir auch das kurze, aber notwendige Vorspiel hinzufügen, nämlich Ort und Zeit zu wählen, wahrscheinlich im Rahmen deiner täglichen Bibellese. Auch wenn Meditation nicht nur eine einzelne Handlung, sondern ein Lebensstil ist („Tag und Nacht“), entsteht dieser Lebensstil aus regelmäßigen (sogar täglichen) ununterbrochenen Zeiten konzentrierter Meditation. Manchen mag es an solchen Momenten mangeln, doch wer die notwendigen Opfer für auch nur kurze Zeiten der Meditation bringt, wird mehr als genug Nutzen erfahren, um seine Verluste auszugleichen.
Nachdem wir Ort und Zeit gewählt haben, sind wir bereit, unseren Verstand und unser Herz vorzubereiten.
John Owen beschreibt eine vertraute Erfahrung in der Meditation: „Ich begann, an Gott zu denken, an seine Liebe und Gnade in Christus Jesus, an meine Pflicht ihm gegenüber; und wo finde ich mich jetzt nach wenigen Minuten? Ich bin bis an die Enden der Erde geraten“ (Works of John Owen, 7:382). Betrachtungen über die Liebe Gottes können schnell zu Gedanken an das Mittagessen oder an Hausarbeiten oder E-Mails werden. Ein Teil unserer Vorbereitung besteht daher darin, Schwierigkeiten zu erwarten.
Meditation erfordert geistlichen Entschluss, eine Art von Festigkeit, die sagt: „Ich will über deine Befehle nachsinnen [meditieren] und auf deine Pfade achten.“ (Psalmen 119:15). Der Psalmist richtete die Augen seines Verstandes fest auf Gottes Wort und weigerte sich, auf glänzende Dinge im Randbereich zu schauen. Er band seine Aufmerksamkeit, verschloss die Türen gegen Ablenkungen und wies eindringende Gedanken zurück. Und wenn er merkte, dass sein Verstand abschweifte und sein Blick nicht mehr fest war, gab er nicht auf und fiel nicht zurück, sondern fing den Abirrenden wieder ein und richtete seinen Blick neu aus.
Mehr noch: Er betete. Vergangene und gegenwärtige Erfahrung offenbarten ihm seine Unfähigkeit zur Meditation. Deshalb flehte er: „Öffne meine Augen“, „belebe mich“, „lass mich verstehen“, „lehre mich“, „weite mein Herz“, „führe mich“, „neige mein Herz“, „wende meine Augen“ und so weiter (, 25, 27, 29, 32, 35–37). Wer es mit gebetsloser Meditation versucht, weist nicht nur Sauls Rüstung zurück, sondern auch Davids Schleuder: unbewaffnet kämpft er allein gegen den Goliath der Ablenkung.
Reife Meditierende lernen, nicht beim ersten Versuch zur Ablenkung (oder beim zehnten) zu verzagen, und sie lernen ebenso, sich nicht allein auf ihre Entschlossenheit zu verlassen.
Meditation und Bibellesen sind nicht dieselbe Tätigkeit. Wenn uns das Bibellesen unter die Sterne führt, dann bringt uns die Meditation ans Teleskop und fordert uns auf, Orion oder Sirius zu betrachten. Meditation beginnt, wenn wir bei einer bestimmten Herrlichkeit innehalten und beginnen, darüber nachzusinnen. Vielleicht hat uns diese Herrlichkeit mitten im Bibellesen aufgehalten, oder vielleicht kehren wir nach dem Lesen eines Abschnitts zu ihr zurück; so oder so beginnen wir, die konkrete Herrlichkeit aus-zudenken – sie zu erforschen, zu prüfen, zu beobachten und zu verstehen.
Das Aus-denken einer Wahrheit kann viele verschiedene Formen annehmen. Wenn wir gerade gelesen haben und über den ersten Teil von Vers 2 („sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn“) meditieren möchten, könnten wir den Vers beispielsweise langsam aufschreiben. Oder wir könnten ihn wiederholt lesen und dabei jedes Mal ein anderes Wort betonen: „Seine Lust hat er am Gesetz des Herrn“, „Seine Lust hat er am Gesetz des Herrn …“ Oder wir könnten uns dazu zwingen, Fragen zu stellen: Wie verhält sich „das Gesetz des Herrn“ zu „dem Rat der Gottlosen“ in Vers 1? Warum sagt der Psalmist, dass seine Lust am Gesetz des Herrn ist und nicht direkt am Herrn selbst?
Hab keine Angst, laut zu sprechen. Das Wort für „meditieren“ trägt den Gedanken des Sprechens in sich; deshalb übersetzen es Bibelübersetzer manchmal mit erzählen, reden oder murmeln (; 37:30; ). Deshalb sagt Gott auch zu Josua: „Lass dieses Buch des Gesetzes nicht von deinem Mund weichen, sondern forsche [meditiere] darin Tag und Nacht!“ (Josua 1:8). Versuche also, Gottes Wort auch auszusprechen, was zumindest dabei helfen kann, deine Aufmerksamkeit zu bündeln.
Manche mögen versucht sein, an dieser Stelle aufzuhören. Doch eine Wahrheit aus-zudenken ist nur ein Teil der Meditation, denn ein Herz, das Gottes Wort versteht, kann Gottes Wort gegenüber dennoch kalt bleiben; es kann Licht empfangen, aber ohne Wärme. Deshalb denken wir eine Wahrheit, nachdem wir sie aus-gedacht haben, auch ein und drängen sie tief in unser Herz hinein.
„Predige dir selbst“ mag inzwischen wie eine oft gehörte Anwendung klingen. Doch trotz unserer Vertrautheit mit diesem Gedanken frage ich mich, ob die tatsächliche Praxis weitgehend unerprobt geblieben ist oder vielleicht nur kurz ausprobiert und dann wieder aufgegeben wurde. So oder so besteht eine der wirksamsten Methoden, Gottes Wahrheit ins Herz zu drängen, darin, sie ins Herz zu verkündigen. Wie Richard Baxter schreibt: „Ahme den kraftvollsten Prediger nach, den du je gehört hast“ (A Quest for Godliness, 13).
Wie regelmäßig besteigst du während deiner Andacht die Kanzel deiner eigenen Seele? Wie oft nimmst du eine Wahrheit zur Hand und schlüpfst in die Rolle eines Propheten oder Psalmisten – nicht für jemand anderen, sondern für dich selbst? Wie häufig weist du deinen Unglauben zurecht, verkündigst Gottes unveränderliche Wahrheit deinen wechselhaften Gefühlen und bemühst dich, Feuer in dein kaltes Herz hineinzupredigen?
Meditation ist nicht nur für brennende, eifrige Christen bestimmt, sondern auch für diejenigen, die wissen, dass sie es nicht sind. Meditation ist für diejenigen, die wie der Verfasser von sagen können: „Ich bin in die Irre gegangen wie ein verlorenes Schaf“ () – sei es für einen Tag, eine Woche oder einen Monat.
Derselbe zum Abirren neigende Psalmist sagt viermal zu Gott und zu sich selbst: „Ich will nachsinnen [meditieren]“ (, 27, 48, 78). Ich will meditieren, weil ich weiß, dass mein Herz Wärme braucht. Ich will meditieren, weil ich weiß, wie leicht ich in die Irre gehe. Ich will meditieren, weil ich seine Herrlichkeit sehen muss. Ich will meditieren, weil nur er meine Freude neu entfachen kann.
Glückselig – glücklich! – sind die, die dasselbe sagen ().
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Lynn Wiebe. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Desiring God.
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Über den Autor
Autor
Scott Hubbard ist Lehrer und leitender Redakteur bei Desiring God, Pastor der All Peoples Church und Absolvent des Bethlehem College and Seminary. Er lebt mit seiner Frau Bethany und ihren drei Söhnen in Minneapolis.
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