Den Herrn zu suchen bedeutet, seine Gegenwart zu suchen. „Gegenwart“ ist eine häufige Übersetzung des hebräischen Wortes für „Gesicht“. Wörtlich sollen wir also sein „Angesicht“ suchen. Im hebräischen Denken bedeutet dies, Zugang zu Gott zu haben. Vor seinem Angesicht zu stehen heißt, in seiner Gegenwart zu sein.
Aber sind Gottes Kinder nicht immer in seiner Gegenwart? Ja und nein. Ja, in zweierlei Hinsicht: Erstens ist Gott allgegenwärtig und deshalb immer allem und jedem nahe. Er erhält alles im Dasein. Seine Macht ist ständig gegenwärtig, indem er alle Dinge erhält und regiert.
Zweitens ist er immer bei seinen Kindern in dem Sinn, dass er sich durch seinen Bund verpflichtet hat, stets an unserer Seite zu stehen, für uns zu handeln und alles zu unserem Besten wirken zu lassen. „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit“ ().
Aber es gibt auch einen Sinn, in dem Gottes Gegenwart nicht immer mit uns ist. Deshalb ruft uns die Bibel immer wieder dazu auf: „Sucht den HERRN … sucht sein Angesicht allezeit“ (). Gottes offenbarte, bewusste und vertrauensvoll erfahrene Gegenwart ist nicht unsere ständige Erfahrung. Es gibt Zeiten, in denen wir Gott vernachlässigen, nicht an ihn denken, ihm nicht vertrauen, und dann finden wir ihn „unoffenbart“ vor, das heißt, die Augen unseres Herzens nehmen ihn nicht mehr als groß, schön und kostbar wahr.
Sein Angesicht, der Glanz seines persönlichen Wesens, wird hinter dem Vorhang unserer fleischlichen Begierden verborgen. Dieser Zustand ist jederzeit bereit, uns zu überwältigen. Deshalb wird uns gesagt: „Sucht sein Angesicht allezeit.“ Gott ruft uns dazu auf, in einem beständigen Bewusstsein seiner höchsten Größe, Schönheit und seines unermesslichen Wertes zu leben und Freude daran zu haben.
Das geschieht durch das „Suchen“. Durch ein fortwährendes Suchen. Doch was bedeutet das praktisch? Sowohl das Alte als auch das Neue Testament sagen, dass es ein „Ausrichten von Verstand und Herz“ auf Gott ist. Es bedeutet, die Aufmerksamkeit unseres Denkens und die Zuneigung unseres Herzens bewusst auf Gott zu richten und auf ihn fokussiert zu halten.
„So richtet nun euer Herz und eure Seele darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.“ ()
„Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.“ ()
Dieses Ausrichten des Denkens ist das Gegenteil von geistigem Dahintreiben. Es ist eine bewusste Entscheidung, das Herz auf Gott auszurichten. Genau dafür betet Paulus für die Gemeinde: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das standhafte Ausharren Christi.“ () Es erfordert eine bewusste Anstrengung unsererseits. Doch selbst diese Anstrengung, Gott zu suchen, ist ein Geschenk Gottes.
Wir unternehmen diese geistige und emotionale Anstrengung nicht deshalb, weil Gott verloren gegangen ist. So würde man nach einer Münze oder einem Schaf suchen. Aber Gott ist nicht verloren. Dennoch gibt es immer etwas, durch das oder um das herum wir gehen müssen, um ihm bewusst zu begegnen. Dieses Hindurchgehen oder Umgehen ist es, was Suchen bedeutet. Er ist oft verborgen. Verhüllt. Wir müssen durch Vermittler hindurch und an Hindernissen vorbei.
Die Himmel verkünden die Herrlichkeit Gottes. Deshalb können wir ihn durch sie suchen. Er offenbart sich in seinem Wort. Deshalb können wir ihn durch sein Wort suchen. Er zeigt sich uns in den Spuren seiner Gnade im Leben anderer Menschen. Deshalb können wir ihn auch durch sie suchen. Das Suchen ist die bewusste Anstrengung, durch die natürlichen Mittel hindurch zu Gott selbst zu gelangen, unseren Sinn in allen Erfahrungen beständig auf Gott auszurichten und unser Denken und Herz durch die Mittel seiner Offenbarung auf ihn zu lenken. Das bedeutet es, Gott zu suchen.
Und es gibt unzählige Hindernisse, an denen wir vorbeikommen müssen, um ihn klar zu sehen und im Licht seiner Gegenwart zu leben. Wir müssen vor geistlich abstumpfenden Aktivitäten fliehen. Wir müssen vor ihnen weglaufen und sie umgehen. Sie versperren uns den Weg.
Wir wissen, was uns lebendig und empfänglich für Gottes Offenbarungen in der Welt und in seinem Wort macht. Und wir wissen auch, was uns abstumpft, blendet und dazu bringt, ihn gar nicht mehr suchen zu wollen. Von diesen Dingen müssen wir uns entfernen und an ihnen vorbeigehen, wenn wir Gott sehen wollen. Das gehört zum Suchen Gottes dazu.
Während wir unseren Verstand und unser Herz in allen Lebenssituationen auf Gott ausrichten, rufen wir zu ihm. Auch das gehört zum Suchen Gottes.
„Sucht den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist.“ ()
„Wenn du Gott suchst und den Allmächtigen um Gnade anflehst …“ ()
Gott zu suchen bedeutet also auch, ihn anzurufen und ihn anzuflehen: „O Herr, öffne meine Augen. O Herr, ziehe den Vorhang meiner eigenen Blindheit zurück. Herr, erbarme dich und offenbare dich mir. Ich sehne mich danach, dein Angesicht zu sehen.“
Das größte Hindernis bei der Suche nach dem Herrn ist der Stolz. „Der Gottlose fragt in seinem Hochmut nicht nach ihm.“ () Deshalb ist Demut eine grundlegende Voraussetzung, um den Herrn zu suchen.
Die große Verheißung für diejenigen, die den Herrn suchen, lautet, dass er sich finden lässt: „Wenn du ihn suchst, wird er sich von dir finden lassen.“ () Und wenn er gefunden wird, ist die Belohnung groß: „Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und dass er die belohnt, die ihn suchen.“ () Gott selbst ist unsere größte Belohnung. Und wenn wir ihn haben, haben wir alles. Darum: „Fragt nach dem HERRN und nach seiner Stärke, sucht sein Angesicht allezeit!“ ()
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Desiring God.
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Über den Autor
Autor
John Piper ist Gründer und Lehrer von Desiring God sowie Vorsitzender des Bethlehem College and Seminary. 33 Jahre lang diente er als Pastor der Bethlehem Baptist Church in Minneapolis, Minnesota. Er ist Autor von mehr als 50 Büchern, darunter Sehnsucht nach Gott: Leben als christlicher Genießer.
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