Lehre über die zukünftigen Dinge
Unter Eschatologie versteht man den Bereich der christlichen Theologie, der sich mit dem Studium der letzten Dinge befasst. Es geht um die zukünftige Wiederkunft Christi, die Auferstehung der Toten, Entrückung, das Endgericht und die ewige Seligkeit der Erlösten mit Christus sowie die ewige Strafe der Verdammten ohne Christus. Was diese elementaren Punkte betrifft, besteht unter Christen ein beachtlicher Konsens; in den Einzelheiten hat es jedoch schon seit den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte eine Vielfalt an Auffassungen gegeben. Die verschiedenen Eschatologien, die im Laufe der Geschichte von Theologen vertreten wurden, lassen sich in drei allgemeine Systeme einteilen:
Die Bezeichnungen unterscheiden sich jeweils durch eine Vorsilbe, die dem Begriff „Millennium“ vorangestellt ist, der sich aus den beiden lateinischen Begriffen mille (tausend) und annus (Jahr) zusammensetzt.1 Diese Fachbezeichnungen sind deshalb entstanden, weil im Laufe der Zeit jede der drei Sichtweisen durch ihre Auslegung von bekannt wurde, insbesondere was die Frage des Zeitpunkts der Wiederkunft Christi in Bezug auf den dort erwähnten Zeitraum von 1.000 Jahren betrifft. Daher erwarten Amillennialisten kein Millennium (die Vorsilbe A- bedeutet „kein“); Postmillennialisten glauben, dass Christus nach dem Millennium wiederkommt (die Vorsilbe Post- bedeutet „nach“); und Prämillennialisten glauben, dass Christus vor dem Millennium wiederkommt (die Vorsilbe Prä- bedeutet „vor“).
Obwohl Amillennialisten kein Tausendjähriges Reich erwarten, bedeutet das nicht, wie die Terminologie zunächst meinen lässt, dass sie ein tausendjähriges Reich grundsätzlich ablehnen.2 Anthony Hoekema liefert eine prägnante amillennialistische Auslegung von :
„Amillennialisten interpretieren das Millennium … als Beschreibung der gegenwärtigen Herrschaft der Seelen der verstorbenen Gläubigen, die mit Christus im Himmel regieren. In diesem Verständnis bezieht sich der Zeitraum, in dem der Satan gebunden ist, … auf die gesamte Zeitspanne zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi, wobei sie kurz vor der unmittelbaren Wiederkunft Christi endet. Der Amillennialismus lehrt, dass Christus nach dieser himmlischen Herrschaft wiederkommen wird.“3
Amillennialisten gehen davon aus, dass wir gegenwärtig im Tausendjährigen Reich leben; diese Zeit ist durch die gleichzeitige Erfahrung sowohl des Sieges des Evangeliums als auch des Leidens für das Evangelium gekennzeichnet. Das zeigt natürlich, dass die Amillennialisten „tausend“ im übertragenen Sinne verstehen. Das Evangelium ist siegreich, weil der Satan gebunden ist. Er kann also die Ausbreitung des Evangeliums nicht mehr verhindern; trotzdem ist er nicht völlig machtlos, schließlich kann er die Gemeinde immer noch verfolgen. Kurz vor dem Ende dieses Zeitraums wird es dem Satan erneut erlaubt werden, die Nationen zu verführen, wobei auch die Verfolgung dramatisch zunehmen wird. Die Christen warten auf die sichtbare, leibliche Wiederkunft Christi, die all ihrem Leiden ein Ende setzen wird. Das zweite Kommen erfolgt gleichzeitig mit der allgemeinen Auferstehung der Toten4 und der öffentlichen Entrückung5 der Gemeinde, die sofort wieder mit Christus auf die Erde zurückkehrt. Christus richtet dann die Welt und leitet schließlich die Ewigkeit mit ihm ein.
Wichtig für das amillennialistische Verständnis ist die Spannung eines „schon jetzt/noch nicht“. Christen leben gegenwärtig im Reich Gottes, das bereits angebrochen ist, da Christus ja vom Himmel aus schon jetzt regiert; und dennoch warten sie auf die volle Verwirklichung des Reiches, die eintritt, wenn Christus einst ewig auf der Erde regieren wird.6 Im bereits angebrochenen Reich erleiden Christen Trübsal und Leid, aber auch Sieg, der sich einstellt, wenn sich das Evangelium ausbreitet. Im vollendeten Reich, dem neuen Himmel und der neuen Erde, wird ewige Ruhe herrschen. Ein weiterer zentraler Punkt der amillennialistischen Sichtweise ist ihr Verständnis alttestamentlicher Prophetie, insbesondere was ihre Auslegung durch das Neue Testament betrifft. Kim Riddlebarger schreibt: „Amillennialisten glauben, dass sich die alttestamentlichen Verheißungen an Israel, David und Abraham in Jesus Christus und seiner Gemeinde während des gegenwärtigen Zeitalters erfüllen.“7 Da diese Verheißungen bereits erfüllt worden sind, ist eine zukünftige Erfüllung nicht erforderlich. Amillennialisten verweisen auf Texte, die lehren, dass die Vollendung der Geschichte bei der zweiten Wiederkunft eintritt, worauf lediglich die Ewigkeit folgt. Amillennialisten legen so aus, dass die in beschriebenen Ereignisse dort rekapituliert bzw. neu dargestellt werden, und nicht als chronologische Folge.8
Der Postmillennialismus vertritt die Ansicht, dass Christus nach dem Millennium wiederkommen wird.9 Wie beim Amillennialismus greift jedoch die Terminologie zu kurz. In einem streng chronologischen Sinne stimmen Amillennialisten und Postmillennialisten darin überein, dass Christus nach dem Millennium wiederkommt. Tatsächlich waren Amillennialisten bis ins 20. Jahrhundert hinein als Postmillennialisten bekannt.10 Postmillennialisten stimmen im Allgemeinen mit der amillennialistischen Auslegung von überein.11 Beide Positionen behaupten, dass das Millennium bildlich zu verstehen ist (nicht als buchstäblicher Zeitraum von tausend Jahren) und es sich um eine Zeit handelt, in der das Evangelium in der ganzen Welt gepredigt wird, da Satan gegenwärtig gebunden ist. Sie stimmen auch über den allgemeinen Verlauf der Ereignisse in der Endzeit überein: Die allgemeine physische Auferstehung der Gerechten und Ungerechten findet bei der Wiederkunft Jesu statt, gefolgt vom Endgericht und der Vollendung aller Dinge in einem neuen Himmel und einer neuen Erde.12
Was den Postmillennialismus vom Amillennialismus unterscheidet, ist nicht der Zeitpunkt des zweiten Kommens in Bezug auf das Millennium, sondern die Art des Millenniums.13 Während der Amillennialismus davon ausgeht, dass die Gemeinde bis zum zweiten Kommen Christi gleichzeitig sowohl Sieg als auch Leid erfährt, geht der Postmillennialismus davon aus, dass ein Großteil des Leidens der Gemeinde vor der Wiederkunft Christi allmählich zurückgeht. Er erwartet ein goldenes Zeitalter der Gerechtigkeit auf Erden: das Millennium, in dem die Gemeinde zunehmenden Wohlstand und großen kulturellen Einfluss erlebt. Dieses goldene Zeitalter ist das, was Postmillennialisten unter dem Millennium verstehen. Loraine Boettner definiert Postmillennialismus so:
„Der Postmillennialismus ist die Sicht der letzten Dinge, die davon ausgeht, dass das Reich Gottes – durch die Verkündigung des Evangeliums und das rettende Wirken des Heiligen Geistes in den Herzen der Menschen – in der Welt ausgedehnt wird, wodurch die Welt schließlich christianisiert wird; die Wiederkunft Christi findet am Ende einer langen Periode der Gerechtigkeit und des Friedens statt, die gemeinhin als Millennium (tausendjähriges Reich) bezeichnet wird.“14
„Der Postmillennialismus geht davon aus“, erklärt Kenneth L. Gentry, „dass am Ende die große Mehrheit der lebenden Menschen gerettet werden wird.“15 Dies wird „in der Geschichte zu einer Zeit vor der Wiederkunft Christi führen, in der sich sowohl die Beziehungen der Menschen untereinander als auch die Beziehungen zwischen den Nationen durch die Vorherrschaft von Glaube, Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand auszeichnen werden.“16 Dieser erhöhte Prozentsatz von Gläubigen in der Bevölkerung, der sich darum bemüht, nach Gottes Willen zu leben, führt natürlich zu einem immer größeren Maß an Frieden und Gerechtigkeit in den jeweiligen Gemeinschaften. Es ist wichtig festzuhalten, dass dieser Wohlstand aus dem Umstand erwächst, dass ein großer Prozentsatz der Weltbevölkerung entsprechend dem Wort Gottes lebt.
Postmillennialisten verweisen in der Regel auf den Missionsbefehl und argumentieren, dass dieser „vollständig von Erfolg gekrönt sein wird.“17 Sie verweisen auch auf die messianischen Psalmen, insbesondere auf (und dort vor allem auf die Verse 7–9): „[I]ch [will] dir die Heidenvölker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu deinem Eigentum.“ Darüber hinaus beziehen sie sich auf die Gleichnisse in , die auf das gewaltige Wachstum der Gemeinde hinzuweisen scheinen.
Es gibt zwei Systeme des Prämillennialismus: den (1) historischen und (2) dispensationalistischen Prämillennialismus. Der historische Prämillennialismus wird so genannt, weil er mehr oder weniger dem Prämillennialismus der frühen Kirchengeschichte ähnelt, der als Chiliasmus bekannt ist. Der dispensationalistische Prämillennialismus leitet seinen Namen von der von John Nelson Darby im 19. Jahrhundert entwickelten Theologie ab, die die biblische Geschichte in eine Reihe von Zeitaltern oder Dispensationen unterteilt. Beide Formen des Prämillennialismus folgen einer chronologischen und eher wörtlichen Lesart von , die auf die Wiederkunft Christi und die letzte Schlacht in folgt.
George Ladd definiert den Prämillennialismus als „die Lehre, die besagt, dass nach dem zweiten Kommen Christi [Christus] tausend Jahre lang über die Erde herrschen wird, bevor die endgültige Vollendung von Gottes Erlösungsplan mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde in einem kommenden Zeitalter Wirklichkeit wird.“18 Historischen Prämillennialisten zufolge wird das gegenwärtige Zeitalter bis zu einer kurzen Trübsalperiode andauern, nach der „Christus auf die Erde zurückkommen [wird], um ein Tausendjähriges Reich aufzurichten.“19 Die Auferstehung der Gläubigen und eine öffentliche Entrückung fallen mit dem zweiten Kommen Jesu zusammen. Diese auferstandenen Gläubigen regieren mit Christus, der „leibhaftig in seinem Auferstehungsleib auf der Erde gegenwärtig sein und als König über die ganze Welt herrschen [wird].“20 Während dieser Zeit wird Satan „gebunden und in den Abgrund geworfen werden, sodass er die Erde während des Millenniums nicht mehr zu beeinflussen vermag.“21 Nach dem Millennium wird Satan für eine kurze Zeit freigelassen, in der er einen Teil der Weltbevölkerung zur Rebellion gegen Christus verführt. Christus schlägt diese Rebellion nieder, richtet die Welt und läutet die Ewigkeit ein. Diese Auslegung geht im Gegensatz zu den Amillennialisten und Postmillennialisten davon aus, dass die in und 20 beschriebenen Ereignisse chronologisch aufeinander folgen.
Obwohl die einzige Stelle ist, die einen Zeitraum von tausend Jahren benennt (und die verschiedenen Positionen [A-, Prä- und Post-] damit als „millennialistisch“ kennzeichnet), ist dieser Zeitabschnitt als solcher nicht das, was den Prämillennialismus von den beiden anderen Sichtweisen unterscheidet. Die entscheidende Frage ist, ob die Ewigkeit („das goldene Zeitalter“) unmittelbar auf unser gegenwärtiges Zeitalter folgt, oder ob zwischen uns und der Ewigkeit noch ein weiteres Zwischenstadium des eschatologischen Reiches (ein „silbernes“ Zeitalter) liegt. Prämillennialisten argumentieren, dass neben auch Stellen wie und 65–66, und auf ein solches Zwischenstadium hinweisen, während Amillennialisten und Postmillennialisten diese Stellen entweder auf das Zeitalter der Gemeinde oder die Ewigkeit beziehen.
Die Frage des Millenniums ist eine Debatte unter Christen, die ein sorgfältiges Studium erfordert sowie die Bereitschaft, sich intensiv mit dem biblischen Text und seiner Auslegung auseinanderzusetzen. Die verschiedenen Sichtweisen sind das Ergebnis unterschiedlicher hermeneutischer, exegetischer und theologischer Perspektiven auf – es geht hier nicht um Häresie oder Orthodoxie. In hermeneutischer Hinsicht ist zu klären, wie die Sprache und die Bilder der Offenbarung zu interpretieren sind, ob die Zahlen wörtlich oder bildlich zu verstehen sind, und in welcher Beziehung das Alte und das Neue Testament zueinander stehen. Exegetische Unterschiede bestehen darin, wie man die Beziehung zwischen und 20 versteht; die Frage ist hier, ob sie chronologisch aufeinanderfolgen oder ob dieselbe Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive rekapituliert wird. Theologisch gesehen wird die hermeneutische und exegetische Entscheidung davon abhängen, wie man die Beziehung zwischen Israel und der Gemeinde, das Wesen von Prophetie, und die Reihenfolge der eschatologischen Ereignisse sieht. Die vielen unterschiedlichen Auffassungen sind an sich schon ein deutlicher Beleg für die Schwierigkeit und Komplexität der Auslegung von und verwandter Abschnitte; das rechtfertigt eine gesunde Dosis Demut, wenn man sich dem Thema nähert.
Beim Studium der Offenbarung und der Eschatologie verliert man allzu leicht den Aufruf Christi aus den Augen, den er in der Offenbarung an uns richtet: Er möchte, dass wir als Überwinder der Sünde, der Welt und des Teufels siegreich leben und ihm um jeden Preis treu bleiben, weil er am Ende alles in Ordnung bringen wird. Unabhängig davon, welche Sichtweise die Lehre der Bibel am besten widerspiegelt, muss man sich stets vor Augen halten, dass die Bibel die Lehre von den letzten Dingen immer als Motivation für ein gläubiges Leben darstellt. John Frame richtet unsere Aufmerksamkeit auf den vielleicht wichtigsten Aspekt der Eschatologie: „Soweit ich sehen kann, ist jede Bibelstelle über die Wiederkunft Christi zu einem praktischen Zweck geschrieben – nicht um uns zu helfen, eine Theorie der Geschichte zu entwickeln, sondern um uns zum Gehorsam zu motivieren.“22
Dieser Beitrag erschien zuerst bei TGC und die Übersetzung bei Evangelium21. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Über den Autor
Autor
Alan S. Bandy ist Dozent für Neues Testament und Griechisch an der Oklahoma Baptist University.
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