Schon im ersten Teil der hebräischen Bibel, der Thora, gibt es zahlreiche Stellen, in denen gegen andere Götter polemisiert wird. Diese Bibeltexte beziehen sich auf ganz konkrete Geschichten und Vorstellungen in der altorientalischen Kultur, setzen dann aber ihre eigenen theologischen Punkte. Zwei Fragen tun sich auf:
Im Alten Vorderen Orient (AVO) gab es Geschichten und Erzählungen, die wirklich jeder kannte, die quasi zur kulturellen Bildung dazugehörten. Der babylonische Schöpfungsmythos Enuma Elisch ist ein Beispiel dafür oder auch die altägyptische Geschichte von Sinuhe. Diese Geschichten waren durchzogen vom Welt- und Götterverständnis der jeweiligen Kultur.
Wenn ein biblischer Schreiber bestimmte Geschichten, Erzählungen oder Vorstellungen, die im AVO allgemein bekannt waren, mit radikal neuer theologischer Bedeutung füllt, nennt man das „polemische Theologie“ . Polemische Theologie sucht zwar zuerst nach Gemeinsamkeiten zwischen der Bibel und anderen Texten des AVO, demonstriert dann aber die Unterschiede, die es dort im Hinblick auf Weltbild, Glauben und Religionspraxis gibt. Durch polemische Theologie wird die Einzigartigkeit des israelitischen Gottglaubens im Alten Testament herausgestellt.
Wenn die Geschichten der Bibel polemische Theologie beinhalten (sprich: wenn sie sich mit bestimmten Geschichten des AVO kritisch auseinandersetzen), bedeutet es dann, dass die biblischen Geschichten nur für theologische Zwecke konstruiert wurden und somit rein fiktional sind? Die Antwort auf diese Frage wird vom eigenen Weltbild entschieden. Eine naturalistische Denkweise könnte tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass polemische Theologie gleichbedeutend ist mit Fiktionalität.
Ein theistisches Weltbild, das also von einem Gott ausgeht, der die Geschichte lenkt und der über die Heilige Schrift wacht, kann allerdings beides gut miteinander vereinbaren: Historische Zuverlässigkeit und polemische Theologie. Ein Gott, der die kulturellen und religiösen Konzepte der jeweiligen Gesellschaft kennt, kann geschichtliche Ereignisse so lenken, dass sie auf diese Konzepte Bezug nehmen. So entsteht Realgeschichte, die polemisch ist. So entsteht polemische Theologie.
Allein in den 5 Büchern Mose gibt es schon zahlreiche Beispiele dafür, wie Theologie durch polemische Auseinandersetzung mit AVO-Literatur gemacht wird. Einige Beispiele dafür findet man hier:
Literaturempfehlung:
Currid, John, Against the gods. The Polemical Theology of the Old Testament, Wheaton 2013.
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Über den Autor
Autor
John Schröder hat seinen Bachelor in Theologie an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen abgeschlossen und studiert derzeit auf Lehramt. Er ist glücklich mit seiner Frau Anita verheiratet und lebt seinen Glauben in einer Freikirche in Siegen aus. Auf Dreieinigkeit.de schreibt er über theologische Themen und ihre Anwendung im Alltag.
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