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Desiring God

Kann Jesus wirklich meine ganz persönlichen Nöte nachempfinden?

12. Juni 2026Justin Dillehay7 Min. Lesezeit

In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Super-Bowl-Werbespots über Jesus mit dem Slogan „He Gets Us“ („Er versteht uns“). Die Werbespots selbst ließen vieles zu wünschen übrig. Der Slogan jedoch ist zumindest wahr. Die Bibel versichert uns: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem in gleicher Weise versucht worden ist wie wir, doch ohne Sünde“ (). Tatsächlich musste er gerade deshalb „seinen Brüdern in allem gleich werden, damit er ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde“ (). „Er versteht uns“, weil er einer von uns geworden ist.

„Aber hat er das wirklich?“, mögen manche fragen. Wir leben in einer Gesellschaft, die die spezifische Identität und Lebenserfahrung jedes Einzelnen oder jeder Gruppe stark betont. Jesus jedoch war ein unverheirateter jüdischer Mann, der die Erde bereits in seinen frühen Dreißigern verließ. Das bedeutet unter anderem, dass er nie alt wurde, nie Kinder hatte und nie das Leben wie eine Frau erlebte. Man kann nachvollziehen, warum all das manchen Menschen das Gefühl gibt, dass zwischen ihnen und Jesus eine Distanz besteht. Eine schwangere Mutter könnte sich fragen: „Wie kann er mit mir mitfühlen, wenn er meine Erfahrung nie gemacht hat?“

Doch wenn selbst Jesu vollkommene Sündlosigkeit ihn nicht daran hindert, mit uns mitzufühlen (und das tut sie nicht), dann tun es diese geringeren Unterschiede erst recht nicht. Obwohl die Heilige Schrift geschlechtliche und kulturelle Unterschiede anerkennt, betrachtet sie die Menschheit zugleich als eine Einheit mit Versuchungen, die alle Menschen gemeinsam haben (). Diese gemeinsame Menschlichkeit ermöglichte es Jesus, „selbst zu leiden, als er versucht wurde“ (), und sie befähigt ihn, mit uns allen als unser himmlischer Hoherpriester mitzufühlen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich mithilfe einer von der Schrift geprägten Vorstellungskraft betrachten, wie Jesus mit all seinen Brüdern und Schwestern mitfühlen kann, auch wenn unser Leben auf den ersten Blick so anders erscheint als seines.

MItfühlen mit schwangeren Müttern

Versteht Jesus die Versuchungen und Herausforderungen, die mit Erfahrungen verbunden sind, die nur Frauen machen? Als der menschgewordene Christus war Jesus ein Mann, keine Frau (.21). Er hatte keine XX-Chromosomen, keinen Menstruationszyklus, brachte kein Kind zur Welt, stillte kein Baby und erlebte keine Wechseljahre. Doch das ist an ihm genauso wenig ein Mangel wie an jedem anderen Mann. Gerade weil er ohne Sünde war, besitzt er das zärtlichste Herz, und durch sein eigenes Leiden kann er mitfühlen. Wenn Jesus also mit einer schwangeren Mutter sprechen würde, würde er vielleicht folgendes sagen:

Tochter, ich werde nicht so tun, als wäre ich jemals genau in deiner Lage gewesen. Aber ich möchte auch nicht, dass du denkst, ich würde nichts von deiner Not verstehen. Fragst du dich, ob ich weiß, wie es ist, einem schmerzhaften Ereignis immer näher zu kommen, ohne etwas Rechtmäßiges tun zu können, um es aufzuhalten, obwohl ein Teil von mir es gern tun würde (.53–54)? Weiß ich, wie es ist, Angst vor dem Kommenden zu haben und mich dennoch an die Freude auf der anderen Seite des Leidens zu klammern?

Ja, Tochter, ich weiß es. Und ich kann dir sagen: Es gibt kaum etwas Schöneres als die Erleichterung, auf der anderen Seite angekommen zu sein und sagen zu können: „Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir gegeben hat“ (; vgl. ; ). Lass das bevorstehende Leid dich nicht dazu bringen, deine Entscheidung für Kinder zu bereuen. Lerne vielmehr von mir. Ich habe in meiner Not zu Gott geschrien, und ich habe Hilfe gefunden (). Gott hat mich nicht vor dem Schmerz bewahrt, aber er hat mich durchgetragen. Deshalb rufe zu meinem Vater und deinem Vater (). Geh zu ihm. Wenn du das tust, wirst du mich auf dem Thron der Gnade finden, bereit, dir Barmherzigkeit und Hilfe zu schenken, wenn du sie brauchst ().

Mitfühlen mit müden Familienvätern

Jesus war zwar ein Mann, aber weder Ehemann noch Vater. Er kam nie nach einem langen Arbeitstag zu lebhaften Kindern nach Hause, wachte nicht nachts bei einem kranken Kleinkind und trug nicht die finanzielle Verantwortung für eine Ehefrau. Trotzdem sind ihm solche Belastungen und die damit verbundenen Versuchungen nicht fremd. Neben der einzigartigen Last, sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben, trug er viele Rollen zugleich: Sohn, Bruder, Freund, Rabbi, öffentliche Persönlichkeit und mehr. Wenn er mit einem Vater kleiner Kinder sprechen würde, könnte er vielleicht etwa Folgendes sagen:

Mein Sohn, ich hatte keine eigenen Kinder. Aber wenn du mich fragst, ob ich weiß, wie es ist, Menschen zu dienen, die nicht immer dankbar sind (), ob ich weiß, wie es ist, Kraft zu verlieren, lange bevor die Arbeit getan ist (), für Menschen verantwortlich zu sein, die ständig miteinander streiten (), mich zu fragen, ob sie jemals verstehen werden, was ich ihnen beizubringen versuche (), oder von Menschen mit unzähligen Bedürfnissen und Bitten umgeben zu sein (; 3:9), sodass nicht einmal Zeit zum Essen bleibt (), dann ja, mein Sohn, dieses Gefühl kenne ich. Aber ich weiß auch, dass Gott dir in solchen Momenten begegnen wird.

Wenn du versucht bist, wegen deiner Müdigkeit gereizt zu reagieren, dann denke daran: Meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur Vollendung, und Gott lehrt dich Gehorsam durch das, was du durchmachst (; ). Wenn die Undankbarkeit anderer dich zum Selbstmitleid verleiten will, dann denke daran, dass eine Freude vor dir liegt, die dir dein Vater bereitet hat; ein Vater, der deine guten Taten sieht (; ). Du läufst einen Wettlauf, den ich bereits gelaufen bin. Und ich bin immer bei dir (; 13:5; vgl. ).

Dies sind nur einige bescheidene Versuche zu zeigen, wie Jesus die Versuchungen versteht, denen wir in unseren jeweiligen Lebenssituationen begegnen. Ich möchte dich einladen, selbst einmal darüber nachzudenken, wie Jesus in deiner konkreten Lage mitfühlen und zu dir sprechen würde.

Mitgefühl in jeder Hinsicht

Sicher spüren wir, dass die Forderung, jemand müsse genau dieselben Lebensumstände erlebt haben wie wir, bevor er mit uns mitfühlen kann, eine unmöglich hohe Hürde ist. Würde man diesen Maßstab anlegen, wäre fast jedes menschliche Mitgefühl ungültig, nicht nur das von Jesus. Eine solche Denkweise führt oft in eine Sackgasse des Selbstmitleids: „Niemand versteht meinen Schmerz, weder Jesus noch sonst irgendjemand!“ Das ist eine teuflische Strategie, die uns isoliert und von Trost und Hilfe abschneidet.

Es ist kein Mangel, dass Jesus nicht gleichzeitig Mann und Frau, Jude und Navajo, jung und alt, gesund und behindert sein konnte. Ebenso wenig musste er mehrfach Mensch werden, um sich mit den Erfahrungen verschiedener Menschen identifizieren zu können. Wir sollten darauf achten, dass kulturelle Strömungen unsere Bedürfnisse und Erwartungen hier nicht unbemerkt verzerren. Jede Weltanschauung, die letztlich dazu führen würde, Jesus vorzuwerfen, er betreibe „Mansplaining“, oder die ihm sagen würde, er solle sein „jüdisches Privileg“ berücksichtigen (; ; 9:4–5), gerät in grundlegenden Konflikt mit dem christlichen Glauben.

Wenn wir einen besseren Hohenpriester als Jesus gebraucht hätten, hätte Gott uns einen gegeben. Aber wir brauchten keinen besseren. Wir haben einen Hohenpriester, der „in allem versucht worden ist wie wir, doch ohne Sünde“ (). Das bedeutet nicht, dass Jesus jede einzelne Situation erlebt hat, die wir erleben. Aber es bedeutet, dass wir ihm nichts erzählen können, worauf er antworten müsste: „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Er versteht uns. Und die Wahrheit ist: Wenn wir nur fünf Minuten lang an seiner Stelle stehen könnten und erleben würden, wie es ist, Gefühle zu haben, die völlig frei von Sünde sind, würden wir erkennen, dass er uns viel besser versteht, als wir uns selbst verstehen. Wie Digory, als er Aslans „große, glänzende Tränen“ sieht, würden wir entdecken, dass Christus unsere Sorgen tiefer empfindet als wir selbst. 

Seine Menschwerdung hat seine Erfahrungen zwar begrenzt, aber nicht sein Mitgefühl, vielmehr hat sie es erweitert. Die eigentliche Distanz besteht zwischen Gott und Mensch. Nachdem Jesus diese Distanz überbrückt hat, sind die Unterschiede zwischen ihm und anderen Menschen im Vergleich dazu gering. Als Gott verstand Jesus uns bereits auf eine Weise, wie nur ein unendlicher Schöpfer es kann (; ; .10–12). Als Mensch versteht er uns nun auch von innen heraus, so wie nur jemand verstehen kann, der selbst gelitten hat. Er kennt unser Wesen mehr als in einer Hinsicht. Und er versteht unsere Versuchungen auf eine Weise, wie wir sie selbst nicht verstehen, weil er der Einzige ist, der ihnen niemals nachgegeben hat.

Deshalb sollten bedeutsame, aber letztlich zweitrangige Merkmale deiner Menschlichkeit dich nicht daran zweifeln lassen, dass Christus mit dir mitfühlt. Als wahrer Gott und wahrer Mensch, sündlos und dennoch wirklich menschlich, versteht er dich.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
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Über den Autor

Justin Dillehay

Justin Dillehay

Autor

Justin Dillehay (MDiv, The Southern Baptist Theological Seminary) ist Pastor der Grace Baptist Church in Hartsville, Tennessee, wo er mit seiner Frau und ihren vier Kindern lebt.

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