Sowohl in der akademischen Theologie als auch unter Praktikern wird intensiv darüber diskutiert, wie das Buch der Apostelgeschichte auf die heutige Missionspraxis anzuwenden ist. Eine der häufigsten Weisen, wie die Apostelgeschichte in missiologischen Debatten herangezogen wird, besteht darin, biblische Beispiele anzuführen – mitunter werden sie sogar als biblische Gebote präsentiert – und sie zur Rechtfertigung bestimmter Methoden zu nutzen.1 Der verständliche Wunsch, dass viele „täglich zur Gemeinde hinzugefügt wurden“, hat einige missionarische Bewegungen dazu veranlasst, die Apostelgeschichte nach Dienstmustern zu durchsuchen, die auch heute eine vergleichbare Fruchtbarkeit „freisetzen“ könnten.2 Doch die Apostelgeschichte zur Stützung methodischer Ansprüche zu zitieren, ist etwas anderes, als zu verstehen, was dieses Buch uns eigentlich sagen will.
In diesem Aufsatz möchte ich die wissenschaftliche und die praxisorientierte Diskussion zusammenführen, um eine Frage zu beantworten, die viele Missionare bewegt: Welche Rolle spielt die Apostelgeschichte bei der Wegweisung für zeitgenössische Missionare? Kurz gesagt: Ich möchte darlegen, dass die Apostelgeschichte uns nicht in erster Linie als missionarisches Handbuch oder Modell gegeben ist.3 Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie nichts zu unserem Verständnis des missionarischen Auftrags beiträgt. Die Apostelgeschichte bietet Muster und Präzedenzfälle (die an anderer Stelle durch Lehre und Gebot bestätigt werden), die zeitgenössischen Missionaren helfen können, die wesentlichen Aspekte ihres Dienstes zu erkennen. Diese Muster und Präzedenzfälle können dann die Methoden und Strategien prägen, die wir entwickeln.
Zugegeben, es ist ein ehrgeiziges Vorhaben, diese Frage in einem einzigen Aufsatz zu behandeln. In dem Bewusstsein der begrenzten Reichweite und meiner eigenen fachlichen Grenzen greife ich dankbar auf die Arbeit vieler anderer Ausleger zurück, die sich hilfreich mit den zahlreichen schwierigen Fragen auseinandergesetzt haben, welche die Apostelgeschichte heutigen Lesern stellt. Zunächst werden wir einige exegetische Grundfragen betrachten, die eine Orientierung für das Verständnis der Apostelgeschichte bieten, bevor wir uns der Frage zuwenden, was sie für eine zeitgenössische Missionsstrategie beitragen kann.
Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich, um uns für jedes gute Werk auszurüsten (). Als Teil der Heiligen Schrift gehört die Apostelgeschichte zu Gottes Offenbarung, die uns dazu dient, ihn zu erkennen und befähigt zu werden, in seiner Welt vor ihm zu leben. Um zu verstehen, wie die Apostelgeschichte zu diesem Ziel beiträgt, müssen wir betrachten, wie sie sich in den Kanon der Schrift einfügt und was sie uns lehren will.
Eine der ersten Fragen, mit denen sich viele Kommentare zur Apostelgeschichte zu Recht befassen, betrifft die Gattung und den Zweck des Buches. Die Art des Buches sollte maßgeblich bestimmen, wie wir es auslegen und gebrauchen. Robert Plummer fasst dieses exegetische Grundprinzip so zusammen: „Die genaue Bestimmung der Gattung eines Werkes ist für seine richtige Auslegung unerlässlich.“4 Kevin Vanhoozer formuliert diesen Gedanken noch zugespitzter und warnt davor, dass Ausleger, die die Gattung außer Acht lassen, Gefahr laufen, ihre eigenen Voraussetzungen in den Text hineinzulesen:
Gattungen sind kommunikative Praktiken, regelgeleitete literarische Formen, derer sich Autoren bedienen, um Wirklichkeit zu erschließen und verständlich mit anderen zu interagieren. Ausleger, die mehr wollen, als ihre eigenen Gedanken in den Text hineinzulesen, tun gut daran, die Konventionen zu erkennen, die eine bestimmte literarische Praxis bestimmen.5
Wenn wir also die Apostelgeschichte verstehen wollen, beginnen wir unsere Auslegungsarbeit nicht nur damit, sie als Schrift zu bejahen, sondern auch damit, zu bestimmen, um welche Art von Schrift es sich handelt.
Die Forschung zur Apostelgeschichte ordnet das Buch unterschiedlichen Gattungen zu – von kirchlicher Geschichtsschreibung6 über hellenistische intellektuelle Biografie7 bis hin zu historischer Fiktion8 oder apologetischer Historiografie.9 Darüber hinaus zeigt die unterschiedliche Weise, in der Missionare die Apostelgeschichte nutzen, dass im Bereich der angewandten Theologie und Missionswissenschaft keine Einigkeit über Gattung und Zweck des Buches besteht.10 Es ist daher ratsam, sich zunächst mit einigen dieser Kontroversen vertraut zu machen, bevor wir selbst beurteilen, um welche Art von Buch es sich bei der Apostelgeschichte handelt.
Dass es wenig Einigkeit über die feinen Details von Lukas’ Zielsetzung und Gattung gibt, bedeutet nicht, dass Gattung und Zweck grundsätzlich unbestimmbar wären.11 Anhand seines zweibändigen Werkes können wir Lukas’ kompositorische Vorgehensweise erkennen und so erschließen, welche Art von Material er selbst zu schreiben meint und was ihm besonders am Herzen liegt.12
Tatsächlich wird die bewusste Zusammengehörigkeit von Lukas und Apostelgeschichte besonders deutlich in den Einleitungen beider Bücher. Offenbar im Auftrag eines Förderers namens Theophilus berichtet Lukas, dass er zwei Bände verfasst hat, die die Geschichte des Wirkens Jesu darstellen. Den ersten Band beschreibt er als „geordneten Bericht“ über das, was Christus im Beisein vieler Zeugen getan hat (). Der zweite Band, die Apostelgeschichte, setzt diese historische Darstellung fort und berichtet, was Jesus weiterhin tut und lehrt – nun durch die Gemeinde und seine vom Heiligen Geist erfüllten Jünger ().13 Wenn wir beide Bücher vor dem Hintergrund von Lukas’ klarer Zweckangabe betrachten, hilft uns das, die Frage nach der Art des Buches zu beantworten: Die Apostelgeschichte ist ein geordneter Bericht, der Theophilus in dem bestätigen soll, was er über Christus und die Heilsgeschichte gelernt hat.
Das bedeutet, dass die Apostelgeschichte auf einer grundlegenden Ebene bewusst historisch und bekenntnishaft ist; sie gehört damit zur Gattung der theologischen Geschichtserzählung.14 Doch um den nächsten Schritt zu gehen und zu verstehen, warum Lukas seine Geschichte gerade so erzählt, müssen wir genauer betrachten, wie er sie aufgebaut hat.
Wenn wir sowohl das Lukasevangelium als auch die Apostelgeschichte als Schrift innerhalb der Gattung der theologischen Geschichtserzählung auslegen, müssen wir darauf achten, wie Lukas seinen geordneten Bericht aufgebaut hat. Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass die parallele Anordnung des Materials in beiden Bänden offenbar bewusst so gestaltet ist, dass zunächst der Dienst Christi dargestellt und dieser dann im Wirken seiner Zeugen – insbesondere Petrus und Paulus – gespiegelt wird.15 Auf diese Weise scheint Lukas deutlich machen zu wollen, dass die Heilsgeschichte in einer Weise voranschreitet, die Gottes Bundesverheißungen aus den Schriften des Alten Testaments erfüllt und fortführt.
Beide Bände zeigen klar, dass das Evangelium den Höhepunkt der Mission des Gottes Israels darstellt und dass die Gemeinde, die dieses Evangelium bezeugt, diese Mission fortsetzt (vgl. , 44–49; ; 7:1–53). Diese Zielsetzung wird sowohl in den Reden ausdrücklich formuliert als auch durch wiederkehrende Schriftzitate veranschaulicht. So wird Jesus in als die Erfüllung der Prophezeiung Jesajas dargestellt, dass Gott ein Licht für die Heiden geben und sein Heil bis an die Enden der Erde bringen werde (; 49:6). Dieselbe Schriftstelle wendet Lukas später auf Paulus und Barnabas an (). Ebenso wird Jesu Zitat aus am Kreuz, mit dem er seinen Geist dem Vater anbefiehlt, im Sterben des Stephanus aufgegriffen, der seinen Geist in die Hände Christi legt (; ). Diese Parallelen dürfen selbstverständlich nicht die klare Unterscheidung zwischen dem göttlichen Herrn und seinen Jüngern verwischen.16 Dennoch besteht eine bewusste und direkte Entsprechung zwischen dem, was Christus vollbracht hat, und seinem fortgesetzten Wirken durch die Apostel.
Neben diesen textlichen Parallelen gibt es zudem eine inhaltliche Entsprechung zwischen Jesu Ausrichtung auf die Enden der Erde zu Beginn und am Ende des Lukasevangeliums (; 24:47), dem Missionsauftrag in der Apostelgeschichte () und Paulus’ Argument am Ende der Apostelgeschichte, dass die Heiden hören werden ().17 Die „Enden der Erde“ markieren dabei nicht nur die geografische Reichweite des missionarischen Auftrags der Gemeinde, sondern verweisen zugleich auf den transkulturellen Charakter eines weltweiten Evangeliums, das gläubige Juden und Heiden gleichermaßen einschließt (vgl. ; 11; 15).
Neben diesen thematischen Parallelen liefert Lukas einige der wichtigsten strukturellen Hinweise auf seine Zielsetzung, indem er erklärende Reden in den Verlauf der Apostelgeschichte einbettet.18 Michael Shepherd hebt dieses Merkmal besonders hervor, wenn er schreibt: „Die großen Reden im Buch der Apostelgeschichte funktionieren ähnlich wie die Lieder im Pentateuch, die Reden in den Vorderen Propheten oder die Lehrreden im Matthäusevangelium: Sie erklären die Erzählungen, die sie begleiten.“19 Indem Lukas die Reden zur Auslegung der erzählten Ereignisse nutzt, greift er auf eine verbreitete literarische Technik der griechisch-römischen Geschichtsschreibung zurück, die es erlaubt, aus der Perspektive der handelnden Personen erklärende Einsichten in den historischen Bericht einzufügen.20
Diese Reden – sie machen nahezu dreißig Prozent des Textes der Apostelgeschichte aus – enthalten das, was man als „das theologische Kernstück der Apostelgeschichte“ bezeichnen kann.21 Durchgehend zeigen sie, dass die Schriften Israels sich in der Person und im Werk Christi erfüllen und sich nun in seinem Volk fortsetzen, das in örtlichen Gemeinden von Gläubigen gesammelt wird.22 Da sich die meisten dieser zentralen Reden an überwiegend jüdische Zuhörer richten, kommt I. Howard Marshall zu dem Schluss, dass Lukas’ Ziel darin besteht, „zu zeigen, wie die Gemeinde, bestehend aus Juden und Heiden, in Kontinuität mit dem Judentum steht“.23 Ein wesentlicher Bestandteil dieser Argumentation ist freilich die Ausbreitung dieser Botschaft bis an die Enden der Erde. Genau das beschreibt Lukas in seinem Bericht – und genau dort lässt er Paulus zurück: das Evangelium ungehindert verkündigend in .24
Fassen wir zusammen, was wir gesehen haben, so können wir festhalten: Die Apostelgeschichte ist eine theologische Geschichtserzählung, die um Christi Verheißung herum aufgebaut ist, seine Apostel zu Zeugen für alle Völker zu machen – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und bis an die Enden der Erde. Durch ihre bewussten Bezüge auf die Geschichte Israels und auf die Schriften, die in Christus ausgelegt und durch die Gemeinde fortgeführt werden, feiert die Apostelgeschichte Gottes souveräne Treue, Christi Verheißung () und seinen Auftrag () sowohl geografisch als auch über die Trennlinie zwischen Juden und Heiden hinweg zu erfüllen.
Nachdem wir nun geklärt haben, was die Apostelgeschichte ist, sind wir bereit, uns der Frage zuzuwenden, die zeitgenössische Missionare mit Recht stellen: Wie dient mir die Apostelgeschichte als christliche Schrift in meiner Verantwortung, Mission zu treiben, bis Christus wiederkommt?
Diese Fragen nach Gattung und Zweck der Apostelgeschichte sind keineswegs bloß akademische Gedankenspiele. Sie prägen ganz wesentlich, wie wir die Apostelgeschichte heute auslegen und anwenden.25Wir können uns nicht damit zufriedengeben, einen Belegvers aus der Apostelgeschichte zu zitieren und unsere Vorschläge kurzerhand als „biblisch“ zu deklarieren, wenn wir Lukas’ Absicht als Autor nicht berücksichtigt haben – eine Absicht, die zumindest teilweise durch Gattung und Gesamtstruktur des Buches bestimmt ist. Tatsächlich macht das Buch selbst deutlich, dass bestimmte Aspekte seiner Berichte nicht normativ sind, nicht erwartet werden sollen und nicht einfach in die Praxis des späteren Gemeindelebens verlängert werden dürfen.26 Zugleich besteht weiterhin Uneinigkeit darüber, was als normativ zu gelten hat und was lediglich als Beschreibung einmaliger heilsgeschichtlicher Ereignisse zu verstehen ist.27 Wie also sollen heutige Leser die Apostelgeschichte auslegen und verstehen?
Wir haben gesehen, dass die Apostelgeschichte reale Geschichte berichtet, um zu zeigen, dass das neue Bundesvolk Gottes aus allen Nationen die Geschichte und die Verheißungen fortführt, die in den hebräischen Schriften grundgelegt sind. Indem die Apostelgeschichte die große Heilsgeschichte der Schrift weiterführt, erfüllt sie im Neuen Testament eine ähnliche Funktion wie das Buch Josua im Alten Testament. Während der Pentateuch gegeben wurde, um Gottes Volk, Gottes Gesetz und das verheißene Land zu etablieren, liefert Josua eine Erzählung voller Belege dafür, dass der Gott, der dieses Land verheißen hat, es auch tatsächlich schenkt. Das Buch berichtet eindeutig nicht wiederholbare Ereignisse – etwa die Einnahme Jerichos oder den Sieg über die Amoriter bei stillstehender Sonne –, um die souveräne und providentielle Erfüllung von Gottes Bundesverheißungen zu unterstreichen. Zugleich zeigt es sowohl, wie das Volk seinen Bundespflichten nachkam (; 3:5–17; 6:15–21; 11:23), als auch, wie es darin versagte (; 16:10). Als historische Erzählung präsentiert sich Josua nicht als Handbuch für Kriegsführung oder als Leitfaden für Führungsprinzipien. Vielmehr ist es eng an den Pentateuch mit seinen Bundesforderungen, Segnungen und Flüchen gebunden und zeigt, dass Gott das getan hat, was er angekündigt hatte.
Eine vergleichbare Funktion erfüllt die Apostelgeschichte im Kanon des Neuen Testaments. Als Brücke zwischen den vier Evangelien und den neutestamentlichen Briefen liefert sie eine historische Darstellung, die immer wieder durch exegetische Argumentation durchzogen ist, um zu zeigen, dass Gott die Erfüllung seiner Verheißungen souverän lenkt.28 Als Fortsetzung der Evangelien dehnt sie die Messias-Erzählung auf die Zeit nach der Himmelfahrt aus und beschreibt das fortgesetzte Wirken Christi in seiner Gemeinde durch den Heiligen Geist. Lukas bestätigt dieses Wirken durch Parallelen zum Dienst Jesu und durch eine schriftgemäße Verteidigung der Gemeinde als Erbin von Gottes Mission und Bundesverheißungen.29
Damit lässt sich unsere oben gestellte Frage zunächst klar beantworten: Innerhalb des Buches selbst gibt es keinen zwingenden Grund, die Apostelgeschichte so zu lesen, als sei sie als missionarisches Handbuch gedacht. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es legitim ist, die Apostelgeschichte trotz der erkannten Hauptintention des Autors als Leitfaden für Mission zu verwenden. Dieser Frage wollen wir uns im letzten Abschnitt kurz zuwenden.
Die Einsicht, dass Lukas nicht bewusst ein Handbuch für moderne Missionspraxis schreibt, bedeutet nicht automatisch, dass die Apostelgeschichte nicht in dieser Weise gebraucht werden dürfte. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass es mehrere Gründe gibt, warum eine solche Lektüre nicht durchgängig möglich ist. Das lässt sich exemplarisch an der Frage zeigen, ob Paulus’ Dienst als Modell für nachfolgende Missionare gedacht ist.
Da Paulus der Apostel ist, der am deutlichsten mit der Mission unter den Heiden verbunden wird, und da sein Dienst den größten geografischen Raum umfasst, ist es verständlich, dass missionsinteressierte Leser der Apostelgeschichte fragen, ob sein Dienst als Vorbild für den unseren dienen kann. Doch schon bei der Lektüre der Berichte über Paulus (–28) wird deutlich, dass Lukas in erster Linie festhält, was Paulus getan hat, und nicht vorschreibt, was wir tun sollen. Ich beschränke mich auf drei Beobachtungen.30
Erstens unterscheidet sich Paulus grundlegend von heutigen Missionaren dadurch, dass er ein Apostel ist, der von Christus selbst zu diesem besonderen Dienst berufen wurde – Christus ist ihm erschienen und hat ihn autorisiert, sein Bote unter den Heiden zu sein.31 Zudem übt Paulus seinen apostolischen Dienst in einer heilsgeschichtlich Übergangszeit aus, die für das Leben der Gemeinde nicht normativ ist.32
Zweitens sind Paulus’ Reaktionen auf unterschiedliche Umstände nicht einheitlich genug, um daraus eine allgemeingültige Methodik ableiten zu können. So versucht Paulus an manchen Orten trotz Verfolgung und Gefangenschaft zu bleiben, während er an anderen flieht, um der Verfolgung zu entgehen (vgl. ; 16:16–40; 17:1–15). Manchmal evangelisiert er dort, wo das Evangelium noch nicht verkündigt worden ist; ein anderes Mal entscheidet er sich ausdrücklich, von einer offenen Tür unter Unerreichten weiterzuziehen ().33 Ebenso predigt er in einigen der Städte, durch die er reist (:7), während er an anderen vorbeizieht, ohne dort Halt zu machen (; 16:8). Manchmal lässt er seine Reisegefährten zurück (), ein anderes Mal nimmt er Mitarbeiter mit auf den weiteren Weg (). Viele Einzelheiten von Paulus’ Dienst folgen keinem erkennbaren Muster und stehen zum Teil sogar in Spannung zueinander. Diese Vielfalt unterstreicht, dass Lukas seinen Bericht nicht mit dem Ziel verfasst, seinen Lesern missionarische Handlungsanweisungen zu hinterlassen.
Drittens gehört zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen von Missionaren die Frage, wie lange sie an einem bestimmten Ort bleiben sollen. Es gilt einzuschätzen, wann Jünger und Gemeinden noch nicht ausreichend gefestigt sind, um eigenständig zu bestehen, und wann ein Weiterziehen weise und für ihre Entwicklung förderlich ist. Doch wenn wir auf Paulus schauen, finden wir nur wenige Hinweise darauf, was er selbst als „ausreichend lange Zeit“ an einem Ort betrachtet hätte – denn fast immer wurde er durch Verfolgung zur Weiterreise gezwungen.34 Aussagen über ein ideales Tempo moderner Missionsarbeit aus Paulus’ Dienst abzuleiten, ist daher kaum sachgerecht.35
Die Apostelgeschichte ist kein missionarisches Handbuch, und Lukas stellt Paulus nicht als den Modellmissionar dar, dessen Taktiken man aus der Erzählung herauslösen und in der heutigen Missionspraxis anwenden könnte. Wie Vickers treffend formuliert: „Die Erzählung der Apostelgeschichte zu lesen bedeutet weit mehr – viel mehr –, als die historischen Ereignisse in Lukas’ Bericht abzuschälen, um einen zeitlosen Wahrheitskern oder abstrakte theologische und praktische Prinzipien freizulegen.“36
Trotzdem müssen wir nicht den Schluss ziehen, dass zeitgenössische Missionare aus der Apostelgeschichte nichts für ihren Dienst gewinnen könnten. Es gibt wiederkehrende Gemeinsamkeiten, die sowohl durch Lukas’ Struktur als auch durch Paulus’ Handeln bekräftigt werden und grundlegende Einsichten in den missionarischen Auftrag vermitteln. Tatsächlich stellt Paulus selbst Aspekte seines Lebens als Vorbild für den Dienst vor, wenn er die Korinther auffordert, ihm nachzufolgen, wie er Christus nachfolgt (; vgl. ; ).
Eckhard Schnabel bringt zum Ausdruck, dass wir bei der Beobachtung von Paulus’ Dienst zwar keine klar umrissene Strategie entdecken, die wir heute einfach übernehmen könnten, wohl aber einen „flexiblen modus operandi“, der unser Verständnis des missionarischen Auftrags prägen kann.37 Schnabel benennt mehrere übergreifende Muster, die Paulus’ Dienst kennzeichnen. Vielleicht noch wichtiger als diese Muster in der Apostelgeschichte zu erkennen ist allerdings, dass sich anhand von Paulus’ Briefen zeigen lässt, dass diese Muster bewusst gelehrt und angeordnet werden. Ich beschränke mich auf drei Beobachtungen, die als Einladung dienen sollen, weitere Zusammenhänge zu entdecken.
Erstens gründen Paulus und die anderen Zeugen, denen wir in der Apostelgeschichte begegnen, ihre Verkündigung regelmäßig im biblischen Zeugnis der hebräischen Schriften.38 Selbst unter überwiegend heidnischen Zuhörern ist die Evangeliumsverkündigung von biblischen Themen durchzogen und zielt konsequent auf biblische Inhalte hin.39 Wie Schnabel zusammenfasst, hat Paulus trotz aller kontextuellen Vorarbeit in unterschiedlichen Situationen „seinen Zuhörern nicht erlaubt, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen er das Evangelium verkündigt. … Das Paradigma und die Prinzipien von Paulus’ missionarischer Verkündigung machen deutlich, dass nicht die Frage entscheidend ist, was Menschen hören wollen, sondern was Gott in Jesus Christus offenbart hat.“40
Gerade die Reden in der Apostelgeschichte zeigen eindrücklich, wie sich die hebräischen Schriften im Leben, Sterben, in der Auferstehung und Himmelfahrt Christi erfüllen. Das unterstreicht sowohl die hermeneutische Stoßrichtung des Buches als auch ein grundlegendes Muster: Das Evangelium ist „gemäß den Schriften“ zu verkündigen (vgl. ). Für heutige Missionare muss daher die Verkündigung des einen wahren Evangeliums, gegründet in den alttestamentlichen Verheißungen, die sich in Christus erfüllen, im Zentrum ihres Dienstes stehen, wenn dieser biblischem Vorbild, biblischer Beschreibung und biblischem Auftrag entsprechen soll (vgl. ).41
Zweitens wird der missionarische Dienst von Paulus und seinen Mitarbeitern durch Gemeindegründung und Gemeindeaufbau bestimmt. Die Apostelgeschichte berichtet, dass die Evangelisation der Apostel zu Jüngern führte, die zur weiteren geistlichen Reifung und Festigung in örtlichen Gemeinden gesammelt wurden (z. B. ; 15:41; 16:5; 20:17–35). Paulus’ Briefe unterstreichen diesen gemeindezentrierten Missionsansatz (; ; ). Die örtliche Gemeinde, zusammengesetzt aus Gläubigen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft, ist der Ort, an dem Gott seine vielfältige Weisheit offenbart ().
Für Paulus sind örtliche Gemeinden ein greifbarer Beweis für die Kraft des Evangeliums – nicht nur darin, Jünger hervorzubringen, sondern sie auch in Einheit zur Reife zu führen. Schnabel merkt dazu erneut an, dass zeitgenössische Gemeindegründung sich in der Nachfolge des Paulus nicht an menschlichen Vorlieben orientieren darf, indem sie homogene Gruppen kulturell bequemer und angepasster Gläubiger schafft.
Für Paulus wird die Wirklichkeit authentischer Gemeinschaften von Jesusnachfolgern nicht durch die wahrgenommenen Bedürfnisse von Suchenden bestimmt, die durch selbstgewählte Angebote zur selbstgewählten Zeit erfüllt werden sollen. Das Konzept der Einheit der örtlichen Gemeinde, das Paulus mit großem Nachdruck als nicht verhandelbares Prinzip betont (; ), wird zugleich als verbindliche Norm formuliert (; .5; 3:15) und entlarvt solche Vorschläge als zerstörerisch.42
Mit anderen Worten: Das Ziel missionarischer Arbeit besteht darin, Neubekehrte in Gemeinden zu sammeln, die nicht lediglich die kulturellen Normen oder Gepflogenheiten ihres Umfelds widerspiegeln, sondern ein verbindendes Zentrum aus gemeinsamen Überzeugungen, Praktiken und ethischen Maßstäben ausbilden – alles zur Ehre Gottes. Damit sind wir bei einem dritten Prinzip, das im Dienstmuster der Apostelgeschichte sichtbar wird und durch klare Weisungen in den Briefen bestätigt ist: Einheit in Vielfalt.
Wenn die Apostelgeschichte mit Paulus in Gefangenschaft endet, wird deutlich, dass das Evangelium dennoch weiter voranschreitet. Tatsächlich lädt uns das letzte Wort, das Lukas in seinem zweibändigen Werk festhält, dazu ein zu erkennen, dass das Wort Gottes „ungehindert“ weiterläuft (). Wie Jeremy Kimble und Ched Spellman feststellen: „Die Apostelgeschichte will die Leser davon überzeugen, dass die Evangeliumsbotschaft trotz des Hausarrests des Paulus in Rom weiterhin geografische, ethnische und zeitliche Grenzen überschreiten wird.“43
Die geografischen Grenzen, die in gesetzt sind, wurden sichtbar überwunden; der Rest der Welt wird sich als nicht weniger durchlässig erweisen. Zugleich haben sich Paulus’ Bemühungen über die Trennlinie zwischen Juden und Heiden hinweg als fruchtbar erwiesen, sodass die Gemeinde insgesamt erkannt hat, dass jüdische und heidnische Gläubige zu Recht Brüder und Schwestern in Christus sind (vgl. ). Wo das Evangelium geglaubt wird, werden bekehrte Sünder untrennbar in die universale Gemeinde eingefügt und gehören selbstverständlich in örtliche Gemeinden – unabhängig von den früheren kulturellen Barrieren, die sie voneinander zu trennen drohten (). Die Apostelgeschichte und das übrige Neue Testament bezeugen daher übereinstimmend die Überzeugung, dass der missionarische Auftrag durch geografische oder kulturelle Grenzen nicht aufgehalten wird, sondern bis zum Ende der Zeit durch die Gründung von Gemeinden aus Gläubigen aller Hintergründe fortgeführt wird.44
Zum Abschluss unserer Überlegungen zu Lukas’ zweitem Band an Theophilus und an die Gemeinde insgesamt ist es gut, uns daran zu erinnern, dass wir Lukas das sagen lassen sollten, was er sagen will – und so, wie er es sagen will. Mit Vickers können wir festhalten: „Es gibt in der Apostelgeschichte reichlich zeitlose Wahrheit, Theologie und praktische Lehre. Doch wir müssen respektieren, dass Gott uns in der Apostelgeschichte eine Geschichte gegeben hat. Wenn Gott es für richtig hielt, uns eine Geschichte zu geben – wer sind wir, dagegen zu argumentieren?“45
Lasst uns die Apostelgeschichte daher nicht so behandeln, als hätte Gott uns eine Erzählung gegeben, die für ihren Zweck ungeeignet wäre und erst zu einem Handbuch umfunktioniert werden müsste. Lasst uns dieses herrliche Zeugnis von Gottes souveränem Handeln in der Heilsgeschichte nicht auseinandernehmen, um unsere Methoden zu rechtfertigen oder Gottes Wort so zu behandeln, als sei es in einer ungeeigneten Form zu uns gekommen. Vielmehr wollen wir – mit Sorgfalt im Lesen, Auslegen und Anwenden von Gottes Wort – den Auftrag ergreifen, den unser auferstandener Herr seinen Jüngern aller Zeiten gegeben hat: „Ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Enden der Erde“ ().
Fußnoten:
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Desiring God. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Übersetzt von John Schröder.
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Über den Autor
Autor
Matt Bennett und seine Frau Emily dienten sieben Jahre lang im Nahen Osten. Derzeit lehrt er Mission und Theologie an der Cedarville University und ist als Direktor für Langzeitdienste bei Reaching and Teaching International Ministries tätig.
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