Über Generationen hinweg war es selbstverständlich: Frauen überwogen in den Kirchenbänken und im ehrenamtlichen Dienst. Doch diese Realität verändert sich.
Laut einer aktuellen Barna-Studie besuchen in den USA 43 Prozent der Männer regelmäßig einen Gottesdienst, aber nur 36 Prozent der Frauen. Das liegt leider nicht einfach daran, dass mehr Männer in die Kirche kommen. Es liegt auch daran, dass „Kirchen mehr Frauen verlieren, als sie Männer hinzugewinnen.“ Der Abwärtstrend bei Frauen zieht sich durch alle Generationen:
Viele Pastoren und Gemeindeleiter sind besorgt über diesen Trend. Einige haben mich gefragt, was dahintersteckt und wie die Gemeinde gegensteuern kann. Ich habe diese Entwicklung als Frau, als Gemeindeleiterin und als Mutter von vier jungen erwachsenen Töchtern durchdacht.
Die Gründe, warum Frauen der Kirche den Rücken kehren, sind vielfältig und komplex. Ein einziger Artikel wird dem nicht vollständig gerecht werden können. Aber ein guter Ausgangspunkt ist der Blick auf die frühe Kirche. Sie war für Frauen außerordentlich attraktiv – und kann uns helfen zu überlegen, wie wir, die wir die Kirche lieben und leiten, sie wieder zu einem Ort der Zuflucht für Frauen machen können.
Frauen fühlten sich zu Jesus hingezogen, während er auf Erden wirkte – denn er ging aktiv und freundlich auf sie zu. Auch wenn es der jüdischen Kultur seiner Zeit widersprach und religiöse Führer ihn dafür kritisierten, hieß er Frauen herzlich in seiner Nähe willkommen.
Frauen waren bei Jesu Geburt, seinem Wirken, seinem Tod, seiner Grablegung und seiner Auferstehung dabei. Jesus empfing die Zuwendung von Frauen (; ; ) und wandte sich ihnen selbst zu (; 9:23–26; ). Er nahm sie gemeinsam mit den Zwölf in seinen missionarischen Auftrag auf (). Jesus sprach Frauen die Würde, den Wert und die Bedeutung zu, die ihnen als Ebenbilder Gottes zukommen.
Jesu Umgang mit Frauen prägte die frühe Kirche. Im griechisch-römischen Umfeld, wo es als akzeptabel galt, neugeborene Mädchen durch Kindstötung auszusetzen, Kinderbräute an ältere Männer zu verheiraten und außereheliche Beziehungen von Männern zu dulden, während von Frauen Treue verlangt wurde, stand die christliche Gemeinde in einem krassen Gegensatz dazu. Die Kirche des ersten Jahrhunderts schützte Mädchen und hieß Frauen willkommen – sie behandelte sie mit demselben Wert und derselben Würde wie Männer und lud sie zur Mitarbeit und zum Dienst ein.
Wie der Historiker und Soziologe Rodney Stark in seinem Buch The Rise of Christianity schreibt: „Das Christentum war [für Frauen] besonders anziehend, weil Frauen innerhalb der christlichen Subkultur einen weit höheren Status genossen als Frauen in der griechisch-römischen Welt insgesamt.“
Jesu Umgang mit Frauen prägte die frühe Kirche.
Heute haben Frauen ein anderes Bild von der Kirche. Mehr als 50 Prozent glauben nicht, dass die meisten Kirchen Männer und Frauen gleichwertig behandeln. Bei Frauen zwischen 18 und 29 Jahren steigt dieser Anteil auf 65 Prozent, bei den 30- bis 49-Jährigen auf 64 Prozent. Wir müssen die Diskrepanz ernst nehmen zwischen dem, wie Frauen die neutestamentliche Gemeinde wahrnahmen, und dem, wie Frauen heute die Kirche erleben.
Während die Kirche des ersten Jahrhunderts marginalisierten Frauen einen einzigartigen Ort der Zugehörigkeit, der Fürsorge und der Entfaltung ihrer Gaben bot, sind solche Möglichkeiten heute im säkularen Umfeld reichlich vorhanden.
In den USA gehen mehr Frauen als Männer zur Universität und erlangen akademische Abschlüsse. Frauen arbeiten in den unterschiedlichsten Berufsfeldern – von der Medizin über die Wirtschaft bis hin zur Ingenieurswissenschaft. Ich höre immer wieder von Frauen, die sich schwer damit tun, zwischen dem Berufsfeld, wo sie Führungsverantwortung und Fachkompetenz zeigen, und der Kirche zu wechseln, wo ihre Fähigkeiten manchmal eher als Hindernis erscheinen.
Sie haben das Gefühl, die Kirche sei für eine „andere Art von Frau“ – eine Formulierung, die ich von Frauen im ganzen Land immer wieder höre, weil sie in Frauenkreisen, in Leitungspositionen und in Gottesdiensten keinen Platz für sich sehen. Gemeinschaft, Begleitung und Wertschätzung finden sie dagegen bei der Arbeit, online oder in anderen Zusammenschlüssen wie im Fitnessstudio oder einem Buchclub.
Hinzu kommt, dass Frauen zunehmend überlastet sind. Berufstätige Mütter sind die Norm – und dieselben Frauen tragen in der Regel auch die Hauptlast der Pflege älterer Eltern, während sie den stetig wachsenden Anforderungen durch schulische Leistungen, Sport und andere Aktivitäten ihrer Kinder gerecht werden müssen. Viele Frauen sind schlicht erschöpft. Sie sagen mir, dass es sich für sie nicht lohnt, am Sonntag noch zusätzliche Energie aufzuwenden für einen Gottesdienst, in dem sie sich ohnehin nicht zugehörig fühlen.
Auch das Vertrauen von Frauen in die Kirche schwindet. Weltweit hat jede dritte Frau Gewalt erlebt, und fast alle Frauen kennen jemanden, der misshandelt wurde. Auch wenn dieser Missbrauch in vielen Fällen nicht in der Kirche stattgefunden hat, sind Frauen gegenüber Kontexten misstrauisch, die mit Missbrauch in Verbindung gebracht werden. Öffentlich gewordene Kirchenskandale und die #ChurchToo-Bewegung sowie ein allgemeiner Vertrauensverlust gegenüber Institutionen haben die Distanz zwischen Kirche und Frauen weiter vertieft. Aus verschiedenen Gründen fühlen sich Frauen möglicherweise nicht in der Lage, sich und ihre Familien der Gemeindeleitung wirklich anzuvertrauen.
Es gibt natürlich noch weitere Faktoren. Doch der allgemeine Trend ist klar: Frauen erleben die Kirche zunehmend als fremden Ort – nicht als Heimat, so wie es Frauen in der frühen Kirche erlebt haben.
Wir sind froh, dass unsere Kultur Frauen nicht mehr so abwertet und ausgrenzt wie die griechisch-römische Welt. Dennoch stellt sich die Frage, wie die frühe Kirche als Vorbild dienen kann, um Frauen heute wieder für die Gemeinde zu gewinnen. Der früher so deutliche Gegensatz zwischen kulturellen und biblischen Vorstellungen von Würde und Wert der Frau besteht in dieser Form nicht mehr. Aber die kulturellen Botschaften an Frauen heute enthalten subtile Lügen – und wie die frühe Kirche haben wir die Wahrheit, die Frauen brauchen.
Frauen strömten in die frühe Kirche, weil das Evangelium eine bessere und wahrhaftigere Geschichte erzählte als die Kultur. Und das tut es noch immer! Frauen verlassen die Kirche in dem Glauben, dass die säkulare Welt ihnen mehr Würde und Möglichkeiten bietet. Doch die Wahrheit ist: Viele Bereiche der säkularen Welt lehren Frauen auf subtile Weise, dass ihr Wert von ihrer Produktivität, ihrer Bildung und ihrem Aussehen abhängt.
Ein Großteil der säkularen Welt beutet Frauen aus und erschöpft sie, ohne ihnen bedingungslose Würde und Wertschätzung zuzusprechen. Sie drängt Frauen dazu, ihre eigenen Retterinnen zu sein – ein Anspruch, der zwangsläufig scheitern wird. Die Kirche von heute kann und sollte hell dagegen leuchten: als Ort der Zugehörigkeit, der Ruhe und der Neuausrichtung auf die Gnade und Güte des Evangeliums.
Im Lauf der Geschichte war das Evangelium immer die bessere und wahrhaftigere Geschichte. Aber wie wir diese Geschichte erzählen, hängt von unserem Gegenüber und unserem Kontext ab. Es ist klug, diesen Moment wie Missionare zu gestalten – die Menschen, unter denen wir leben, zu studieren und auf sie zuzugehen.
Ich schlage nicht vor, unsere Theologie als Reaktion auf die Kultur zu verändern. Aber ich sage: Es kommt darauf an, wie wir unsere Theologie leben. Gemeinden können an der theologischen Überzeugung festhalten, dass bestimmte Rollen qualifizierten Männern vorbehalten sind – und gleichzeitig den Wert von Frauen sichtbar machen.
Hier sind fünf konkrete Ideen, die Gemeindeleiter umsetzen können, um Frauen zu zeigen, dass sie für die Gemeinde unverzichtbar und als Ebenbilder Gottes von unschätzbarem Wert sind.
Unsere Gesellschaft ist stark sexualisiert, und dieser Zeitgeist hat auch in der evangelikalen Kultur Einzug gehalten. Männer und Frauen in der Gemeinde erleben oft Misstrauen und Entfremdung zwischen den Geschlechtern.
Das Evangelium aber eröffnet einen besseren Weg für Männer und Frauen miteinander – denn es verbindet uns als Geschwister. Frauen werden spüren, dass die Männer in ihrer Gemeinde sie als wertvolle Partnerinnen im Evangelium betrachten, wenn Männer das Gespräch mit ihnen suchen, sie nicht meiden, ihre Meinung einholen, sie zum Dienst befähigen und sie wie geschätzte Geschwister behandeln, die für Gottes Mission unverzichtbar sind.
Frauen und Mädchen werden die Wertschätzung der Gemeinde spüren, wenn Frauen im Sonntagsgottesdienst, auf der Website der Gemeinde und in verschiedenen Rollen sichtbar sind. In jeder Gemeinde gibt es viele Aufgaben, die sowohl qualifizierte Männer als auch Frauen übernehmen können. Wenn diese Aufgaben und Verantwortlichkeiten mit qualifizierten Frauen besetzt werden – nach Möglichkeit auch in bezahlten Stellen –, sendet das ein klares Signal: Die Stärken und Fähigkeiten eurer Schwestern sind wertvoll und notwendig.
Wenn es für Frauen leichter wird, am Gemeindeleben teilzunehmen, vermittelt das: Eure Beteiligung ist willkommen. Bietet Frauengruppen zu verschiedenen Tages- und Wochenzeiten an, um auch Berufstätige zu erreichen. Stellt Kinderbetreuung und Stillräume bereit und bietet Unterstützung für Kinder mit besonderen Bedürfnissen an, damit Mütter keine unnötigen Hürden überwinden müssen. Schafft Möglichkeiten für Frauen mit besonderen Fähigkeiten und Berufen, diese Gaben in den Dienst der Gemeinde zu stellen.
Frauen haben eine besondere Perspektive auf Kirche und Welt, schlicht weil sie beides als Frauen erleben. Wenn Pastoren und Gemeindeleiter Frauen einladen, zur Ausrichtung und den Werten der Gemeinde, zu Predigtinhalten und Programmen beizutragen, kommuniziert das nicht nur Wertschätzung für Frauen – es gibt männlichen Leitern auch einen umfassenderen Blick auf die Gemeinde.
Viele Frauen in der heutigen Gemeinde sind motiviert und lernbegierig. Was wäre, wenn die Kirche diesen Antrieb in theologische Weiterbildung und Jüngerschaftstraining kanalisieren würde? Überlegt, wie eure Gemeinde Entwicklungswege für Frauen schaffen kann – ebenso wie für Männer. Wenn Frauen ausgerüstet und ausgesandt werden, um in der Gemeinde und im Umfeld zu dienen, wird Gott geehrt, sein Volk wird gesegnet und sein Reich wächst.
Der Weggang von Frauen ist ein lautes Warnsignal für die Kirche. Frauen zu verlieren bedeutet, die Hälfte unserer Bevölkerung zu verlieren – Mütter und die Prägenden der nächsten Generation, Ebenbilder Gottes, an denen er seine Freude hat. Dieses Thema verdient unsere Aufmerksamkeit, unsere Sorge, schnelles Handeln und langfristige Entschlossenheit.
Gemeinden können an der theologischen Überzeugung festhalten, dass bestimmte Rollen qualifizierten Männern vorbehalten sind – und gleichzeitig den Wert von Frauen sichtbar machen.
Zeiten und Kulturen mögen sich verändert haben – doch die Kirche wird immer die gute Botschaft haben, die Frauen brauchen. Wir haben eine bessere Antwort für Frauen, weil wir das Evangelium haben.
Brüder und Schwestern: Möge die Kirche von heute für Frauen wieder unwiderstehlich werden. Möge die Kirche von heute ein Ort – der Ort – sein, an dem Frauen wissen, dass sie wertgeschätzt und willkommen sind. Mögen wir, die wir in der Kirche Verantwortung tragen, in Demut die lebendige Mitarbeit von Frauen und Mädchen als unverzichtbar erkennen und an echten biblischen Überzeugungen festhalten, die Frauen schon immer angezogen haben.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzt von Ronny Käthler. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
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Über den Autor
Autor
Jen Oshman ist seit über zwei Jahrzehnten in der Frauenarbeit auf drei Kontinenten tätig. Sie ist die Autorin von „Very Good: What the Bible Says About Being a Woman“ sowie von „Enough About Me“, „Cultural Counterfeits“, „It’s Good to be a Girl“ und „Welcome“. Jen ist Mutter von vier erwachsenen Töchtern und leitet die Frauenarbeit in ihrer Gemeinde. Ihre Familie lebt in Colorado, wo sie die Redemption Parker Church gegründet hat.
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