Vor einiger Zeit hat die bekannte Lobpreisband “Jesus Culture”, die mit der Bethel Church in Kalifornien verbunden ist, auf X einen Clip eines neu veröffentlichten Liedes gepostet. Darin heißt es mehrfach: „Wir brauchen ein neues Pfingsten.“
Dieser einfache Refrain wirft eine wichtige theologische Frage auf: Sollten Christen so über Pfingsten denken? Sollten wir für ein weiteres Pfingsten beten? Oder hat Gott uns bereits gegeben, worum wir ihn in diesem Fall bitten? Bevor ich erkläre, warum ich diese Formulierung biblisch und theologisch für irreführend halte, möchte ich drei Vorbemerkungen machen.
Erstens: Bevor wir Lieder wie dieses bewerten, sollten wir die dahinterstehende Sehnsucht berücksichtigen. Lobpreismusik drückt oft ein Verlangen nach mehr von Gottes Gegenwart und Kraft aus und das ist ein gutes, biblisches Verlangen. Manche gebrauchen die Formulierung „ein neues Pfingsten“ vielleicht metaphorisch. Sie bitten nicht um eine buchstäbliche Wiederholung von , sondern drücken ihre Sehnsucht nach Erweckung und geistlicher Erneuerung aus. Dieses Verlangen sollten alle Christen teilen. Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit hinter diesen Worten.
Zweitens: Wir sollten Liedern eine gewisse rhetorische und künstlerische Freiheit zugestehen. Auch wenn wir uns zurecht biblische Genauigkeit in unseren Liedern wünschen, dürfen wir nicht jede poetische Ausdrucksweise überkritisch zerpflücken. Liedtexte wurden schon oft stark kritisiert (z. B. „Mary, did you know?“), doch wer theologische Präzision schätzt, scheitert manchmal an metaphorischen Bildern.
Als letztes: Wir alle machen gelegentlich theologische Fehler und wir sollten andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten. Wir sollten anderen Christen immer mit Gnade und Raum für Wachstum begegnen.
Doch unsere Worte im Gebet und Gesang sind nicht belanglos. Sprache prägt unser Denken und unser Denken prägt unser Leben. Christen sind berufen, Gott in Übereinstimmung mit der Schrift anzubeten, nicht nach persönlicher Vorliebe. Wahre Anbetung muss „im Geist und in der Wahrheit“ geschehen (), was bedeutet, dass unsere Worte in der Anbetung Gottes Wesen und Handeln, in der Welt, richtig widerspiegeln sollten.
Die Schrift gebietet uns, Wahres, nicht Falsches, über Gott zu sagen. Wir sollen „für den Glauben kämpfen, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert ist“ (). Paulus warnt immer wieder vor falschen Lehrern, die zerstörerische Irrlehren einschleusen und Spaltungen hervorrufen. Es ist erstaunlich wie oft die Apostel über falsche Lehre sprachen, weil sie wussten, dass Irrlehren wie reißende Wölfe in die Gemeinde einsickern können.
Ich unterstelle Jesus Culture mit dieser Liedzeile nicht direkt Häresie. Wenn sie es jedoch wörtlich meinen, also um eine Wiederholung des historischen Pfingsten bitten, dann käme es gefährlich nahe an häretisches Denken. Wahrscheinlicher ist, dass sie es metaphorisch meinen, vielleicht im Zusammenhang mit einer „zweiten Segnung“ des Geistes.
Doch selbst dann bleibt das Problem bestehen. Die Formulierung suggeriert etwas, das nicht stimmt. Und Wahrheit ist entscheidend. Aufrichtigkeit ist wichtig, aber kein Maßstab für gesunde Theologie. Menschen können völlig aufrichtig sein und dennoch Unwahres und nicht hilfreiches Gedankengut vertreten. Warum also ist es biblisch und theologisch falsch, um „ein neues Pfingsten“ zu bitten?
Erstens, Pfingsten war ein einmaliges, heilsgeschichtliches Ereignis, welches nicht wiederholt und nicht widerrufen werden kann. Gott hatte verheißen, dass eine neue Ära anbrechen würde, nachdem Jesus sein Werk vollendet hatte und der Geist ausgegossen wurde. Das wurde durch den Propheten Joel () vorhergesagt und von Jesus im Obersaal angekündigt (–17). Später, in der Apostelgeschichte erklärt Petrus, dass dieses Ereignis, welches sich in Jerusalem im Jahre 33 nach Christus zugetragen hat, die Erfüllung der Prophetie aus ist (). Petrus bekräftigt sogar, dass die Gläubigen schon in der “letzten Zeit leben”.
Kein biblisches Zeugnis verheißt ein zweites Ausgießen des Heiligen Geistes. Stattdessen: Jesus wird wiederkommen, und die Toten werden auferstehen. Ein weiteres Pfingsten zu erbitten, würde bedeuten, Jesus zu bitten, sich ein zweites Mal selbst zu opfern. Beide Ereignisse sind ein für alle male, heilsgeschichtliche Ereignisse.
Zweitens, würde ein zweites Pfingsten andeuten, dass das erste Pfingsten und Christi vollendetes Werk unzureichend wäre. Doch Jesus sagte, der Geist werde die Jünger alles lehren () und “sie in alle Wahrheit leiten” (). Jesus versprach, dass wenn der Geist an Pfingsten kommen wird, die Gläubigen Kraft bekommen werden (). Paulus lehrt, dass Gläubige „versiegelt sind mit dem Heiligen Geist der Verheißung“ (). Das Kommen des Geistes ist direkt mit Christi Himmelfahrt verbunden (); deshalb stellt die Bitte nach einem zweiten Pfingsten auch Jesu Himmelfahrt in Frage. Schließlich untergräbt es Jesu vollendetes und siegreiches Werk.Drittens: Pfingsten bedeutet, dass die Fülle des Geistes der Gemeinde bereits vollständig gegeben wurde. sagt: „Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden … und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“
sagt ebenfalls: „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein”. Zu sagen, wir bräuchten noch einmal die Aussendung des Heiligen Geistes, unterstellt, dass Christen nicht die ganze Fülle des Geistes hätten, dennoch bestätigt Gottes Wort, dass alle Gläubigen denselben Geist haben. Die Mission der Gemeinde geht von Pfingsten aus weiter, sie wartet nicht auf ein neues Pfingsten.
Zweifellos werden manche Einwände gegen meine Meinung haben. Drei fallen mir selbst ein. Erstens: Paulus ruft Christen dazu auf, „voll Geistes“ zu sein (). Das ist ein fortwährender Prozess. Doch das bedeutet nicht eine „zweite Segnung“ mit dem Heiligen Geist, sondern vielmehr ein Erfülltwerden mit dem, was bereits gegeben ist. Christen sollen ganz erfüllt sein von dem, was sie schon empfangen haben. Im Neuen Testament gibt es kein Gebot, nach einer zweiten Geistestaufe zu suchen.
Zweitens: In der Apostelgeschichte gibt es Berichte, in denen der Geist nach Pfingsten auf Menschen fällt. Dazu gehört, als Philippus nach Samaria geht (), als der Geist auf das Haus des Kornelius fällt (), und als die Jünger des Johannes in Ephesus noch nichts vom Geist gehört hatten (). Doch diese Begebenheiten sind besondere Übergangserfahrungen, die zeigen, dass die Gabe des Geistes nicht auf Jerusalem beschränkt ist. Gott gießt seinen Geist auch über Halbjuden (Samariter), Heiden (Kornelius) und Randgruppen (Johannesjünger) aus. Die Apostelgeschichte macht klar, dass dies keine Norm für alle Christen ist, sondern besondere Ereignisse, die der Einheit der jungen Kirche dienten. Pfingsten ist ein einmaliges Ereignis mit mehreren Erfüllungen.
Drittens: Der schwierigste Text in diesem Zusammenhang könnte sein, dort wird berichtet, dass die Gläubigen in Jerusalem nach Pfingsten beteten und „der Ort, an dem sie versammelt waren, erbebte; und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und verkündeten das Wort Gottes mit Freimut.“ Das könnte so klingen, als sei zwei Kapitel nach dem Geschehen in eine zweite Ausgießung des Heiligen Geistes geschehen. Doch dieser Text ist am besten so zu verstehen, dass es sich um eine Bestätigung handelt, angesichts von Verfolgung, dass Gottes Geist trotz des Widerstands weiterhin mit ihnen ist. Lukas stellt dieses Ereignis nicht als ein zweites Pfingsten dar, sondern als eine tiefere Erfahrung dessen, was die Gläubigen bereits besitzen.
Wenn wir über Pfingsten nachdenken, sollte unsere Reaktion tiefe Dankbarkeit sein. Gott hat seinen Geist bereits in einer Weise ausgegossen, wie es unter dem alten Bund nie erfahren wurde. Pfingsten markiert einen entscheidenden Moment in der Heilsgeschichte, ein einmaliges Ereignis, in dem Gott seine Verheißung erfüllt hat, bei seinem Volk auf eine neue und machtvolle Weise zu wohnen.
Auch wenn die Bitten um ein weiteres Pfingsten gut gemeint sind, verfehlen sie eine entscheidende Wahrheit: Pfingsten ist ein vergangenes Ereignis. Der Heilige Geist ist bereits gegeben. Um ein weiteres Pfingsten zu bitten, ist wie wenn ein Kind seine Eltern um ein Weihnachtsgeschenk bittet, das es längst bekommen hat. Das Problem ist nicht, dass das Geschenk nicht gegeben wurde, sondern dass wir vielleicht nicht vollständig erkennen, was wir bereits empfangen haben. Stattdessen sollten wir Gott bitten, dass sein Geist das Werk fortsetzt, das vor 2000 Jahren begonnen hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr von The Gospel Coalition.
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Über den Autor
Autor
Patrick Schreiner lehrt Neues Testament am Midwestern Baptist Theological Seminary in Kansas City, Missouri. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter Political Gospel: Public Witness in a Politically Crazy World, Acts: The Christian Standard Commentary, The Mission of the Triune God: A Theology of Acts und The Visual Word: Illustrated Outlines of The New Testament Books. Man kann über X mit ihm in Kontakt treten.
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